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Das Kriegsjahr 1943

Anfang Januar war ich vom Standortlazarett Amberg in die Stadt Amberg in ein Reservelazarett verlegt worden. Hier wartete ich auf den Bescheid von Goslar. Die Verwaltung der Lazarette in der alten Kaiserstadt war im Hotel„Achtermann“ untergebracht. Mitte Januar kam überraschend mein Vater zu Besuch nach Amberg. Ich habe mich sehr gefreut. Vater war einige Tage da. In dieser Zeit wurden die Papiere fertiggestellt. Vater war gleichzeitig mein Reisebegleiter, sonst wäre ein Sanitäter nach Goslar mitgefahren. So war es mir aber lieber. Von Amberg für den Zug nach Nürnberg. Hier bekamen wir einen D-Zug und hatten gute Plätze und konnten die verschneite Landschaft betrachten und natürlich erzählen. In Goslar hat sich Vater von mir verabschiedet und fuhr nach Hildesheim/Sorsum um allen zu berichten. Da Goslar eine Kleinstadt war, viele Hotels und Schulen, sowie Heime hatten, waren auch sehr viele Lazarette dort. Die Untersuchung fand im „Achtermann“ statt. Dort war der zuständige Sanitätsstab. Meine Unterkunft war das „Theresienheim“. Sehr schön gelegen am Waldesrand. In der Nähe von der Zeche „Rammelsberg“. Dort hatte man bis zum Krieg Erz abgebaut.

Die Unterkunft, Verpflegung und Betreuung war bestens. Nach drei Wochen wurde ich zum „Hessenkopf“ verlegt. Die ehemalige Reichsbauernschule lag direkt im Walde. Hier gab es nur Einzelzimmer, wie vorher, Verpflegung war gut. Betreuung von Schwester Johanna. Wir hatten auch viel Freude, trotz der schweren Zeit.

Im März wurde ich zur Erholung auf einen großen Bauernhof in Varlosen bei Dransfeld geschickt. Die schwer Verwundeten wurden dafür von ärztlicher Seite ausgesucht. Vom Bahnhof Dransfeld wurden wir mit einer Kutsche abgeholt. Die Bauernfamilie war sehr freundlich und auch zuvorkommend. Wir waren drei Soldaten in diesem Dorf und sollten uns erholen. Nun, bei der Verpflegung und mit spazierengehen habe ich sehr viel zugenommen. Auch die schöne Zeit ging zu Ende. Vom Lazarett entlassen, mit allen guten Wünschen, musste ich mich bei der Genesen-Kompanie 194 in Hildesheim melden. Ich bekam Urlaub und danach leichten Dienst in der Kaserne. Wurde Bursche beim Kompanieführer. Ich hatte die Wohnung in Ordnung zu halten und Verpflegung abzuholen sowie alle sonstigen Sachen zu erledigen. Auch bekam ich öfter Urlaub, um Blumen in Sorsum zu holen – für die vielen Freundinnen.

Anfang Juni wurden wir zu einem Marschbataillon zusammengestellt – die Fahrt ging Richtung Osten. In Dresden hatten wir Aufenthalt und auch dort musste ich Blumen für den Chef besorgen, damit wollte er eine Bekannte überraschen. Weiter rollte der Transportzug – in Hydebreck einen Verkehrsknotenpunkt der Bahn (Oberschlesien) mussten wir einige Tage warten. Exerzieren und Heidelbeeren suchen, zur Abwechslung. Dann rollten wir ohne Aufenthalt unserem Ziel entgegen. Die Minsfron-Taganrog war die nächste größere Stadt. Wir wurden dann den Kompanien zugeführt. Es waren in vorderster Front ausgebaute Stellungen in einem tiefen Bunkersystem. Ende Juli hatte ich Beschwerden mit den Granatsplittern. Für 14 Tage durfte ich das Erholungsheim der 111. Division in Taganrog aufsuchen. Wir wurden bestens betreut. Am Asowsches Meer konnten wir an diesen weißen Sandstrand die Ruhe genießen. In der Ferne hörten wir ab und zu Geschützdonner. In Tangrog – eine schöne Stadt – habe ich auch die Aufnahmen für meine Lieben zu Hause anfertigen lassen. Die Bilder sind etwas dunkel mit einem sehr ernsten Gesichtsausdruck. Zur Erheiterung konnten wir abends einen Theaterabend erleben mit ukrainischem Chor usw. Hier lernte ich Karl Ramsner aus Steyv, in Österreich kennen. Wir waren beide im Erholungsheim und erlebten viel gemeinsam. Karl war bei der Artillerie 117 und ich bei IR 50!

Ende August 1943 waren wir eingeschlossen, die Steppe brannte. Wir haben uns verzweifelt gewehrt. Dank der kraftvollen Unterstützung von dem StuKa-Geschwader Rudel und Sturmgeschütze gelang unter Generalleutnant Recknagel, „Seitengewehr pflanzt auf“ der Ausbruch aus diesem Kessel der 111. Division und der 336 I.D. in Richtung Mariupol-Melitenpol. Ein Funkspruch des russischen Oberkommandos, Generalleutnant Recknagel steht 12.00 Uhr am 30. August auf dem Marktplatz von Taganrog als Gefangener. Nun diesen Gefallen konnten wir den Russen nicht erfüllen.

Jetzt war der Rückzug zur nächsten Stellung, in Richtung Mariupol-Melitepol. Wir sind vorbei an der brennenden Stadt Mariupol, von russischen Jagdfliegern im Tieflug verfolgt, dabei bin ich verwundet. Das nächste war ein Verbandplatz, dann in ein Lazarett nach Melitepol. Hier war ich nur einige Tage, dann wurde ich nach Cherson in ein Kriegslazarett verlegt. Hier bekam ich dann auch einen sehr schweren Malariaanfall, Schüttelfrost mit 40 Fieber tagelang, nur trinken, kein Appetit. Nach einer Woche wurde es besser. Ein volksdeutsches Mädchen aus Cherson besuchte mich des Öfteren. Sie hatte von meinem Zustand erfahren, da sie bei den Rote-Kreuz-Schwestern beschäftigt war. Es waren Minuten der Abwechslung. Ich sollte von meiner Heimat erzählen. Dieses Mädchen hat nur zugehört und war glücklich.

Nachdem ich transportfähig war und kein Fieber mehr hatte, wurde ich Anfang November 1943, liegend in ein DRK-D-Zug Richtung Heimat transportiert. Das Ziel war Oberschlesien. In Kreuzburg wurden etliche Verwundete ausgeladen, dazu gehörte auch ich. Das Reservelazarett-Bethanien, welches von der ev. Diakonissen und DRK-Schwestern geleitet wurde, war das Endziel. Kreuzburg war eine schöne gemütliche Kleinstadt. Gustav-Freytag, der Schriftsteller, war hier beheimatet.

Schwester Elisabeth war rührend um mich besorgt. Ihr Bruder Georg war auch an der Ostfront, so waren wir gleich im Gespräch. Dazu kam, ihr Elternhaus war ein Bauernhof in der Nähe „Schönewald“ und da gab es viel zu erzählen!

Im November besuchte mich meine Schwester Toni einige Tage. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Nun Toni hatte auch gleich Kontakt mit einigen Kameraden. Sonst war die Bevölkerung sehr herzlich und aufgeschlossen uns gegenüber.

Wir wurden sonntags auf einen Bauernhof (2 Soldaten) eingeladen, mit der Kutsche abgeholt und dann von der ganzen Familie herzlich begrüßt und verwöhnt. Es waren immer schöne Stunden. Abends gab es noch ein Kuchenpaket mit in das Lazarett. Auch habe ich mit noch einem Kameraden eine Hochzeit erlebt. Wir waren eingeladen von der Braut. Die Bevölkerung war einmalig!

Im Dezember – Nikolaustag – wurden wir nicht vergessen, kleine Geschenke von Schulklassen erfreuten uns. Weihnachten 1943 kam immer näher, Urlaub wurde abgelehnt. Da war ich natürlich sehr traurig. Nun Schwester Elisabeth hat es doch geschafft und brachte mir am Heiligen Abend einen Urlaubsschein. Da war ich froh und dankbar. Am 1. Weihnachtstag konnte ich fahren. Mit einem Fronturlauberzug für ich ab Oppeln über Dresden quer durch Deutschland und Northeim. Dort musste ich umsteigen. Der Urlauberzug fuhr nach Köln. Von Northeim fuhr ich dann in den frühen Morgenstunden des 2. Weihnachtstages nach Hildesheim-Emmerke. Die Eltern und Geschwister waren freudig überrascht, wie ich vor der Haustür stand. Ich konnte ja keine Nachricht vom Kommen mehr geben. Die freudige Stimmung wurde mir getrübt über das ungewisse Schicksal von meinem Bruder Josef im Osten. Auch ich konnte ja nicht sagen, wusste ich auch nicht bei welcher Einheit mein Bruder war. In dieser Woche besuchte ich Bekannte und hatte auch sehr viele Einladungen. Aber ich hatte keine große Lust, immer zu von dem Schrecklichen zu berichten. Ich hörte von den Luftangriffen auf Kassel, Hannover usw. Es war doch sehr bedenklich. Hofften wir immer noch auf die versprochenen Wunderwaffen, um die Heimat vor den Bolschewisten zu schützen. Die Grausamkeit, die oft an vielen Verwundeten und Gefangenen verübt wurde, wollten wir unseren Angehörigen ersparen. So fuhr ich schweren Herzens Ende Dezember 1943 wieder zurück in das Lazarett Kreuzburg, wo ich von den Kameraden und Schwestern herzlich begrüßt wurde.

Das Jahresende und Jahresbeginn 1943/1944 haben wir im Lazarett Bethanien, Kreuzburg mit Hoffnung auf einen baldigen Schluss gedacht. Was wird noch kommen?

 

   
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