Das Kriegsjahr 1942

Johannes M  
          Johannes Möhle  

Der Winter 1941/42 war sehr streng mit viel Schnee und vielen Schneeverwehungen. Da ich in Hildesheim bei Obermeister Friedrich Schröder, Kaiserstraße, im Wagen- und Karosseriebau Arbeit hatte, musste ich täglich von Sorsum – meinem Heimatort – nach Emmerke zum Bahnhof gehen und mit dem Zug nach Hildesheim fahren. Starke Schneeverwehungen brachten Verspätungen. Die Straße von Sorsum musste sehr oft frei geschaufelt werden.

Im März bekam ich meinen Gestellungsbefehl zum 1. April 1942 in die Ledebur-Kaserne nach Hildesheim, Goslarsche Landstraße. Mit meinem Vetter Willi Stillig musste ich zur gleichen Zeit einrücken. In der M.G.K. Kompanie! Meine zusätzliche Ausbildung war der schwere Granatwerfer. Das Übungsgelände war der Osterberg zwischen Himmelsthür-Geisener-Teiche, Wald und die Ortschaft Hasede. Die Grundausbildung war auf dem Kasernengelände, die Kommandos ertönten den ganzen Tag. Waren doch in diesem Bereich das 194. Ersatzbataillon zur Ausbildung.

Nach einem viertel Jahr Grundausbildung wurden wir dann den Niedersächsischen Divisionen, die im Osten im Einsatz standen, zugeteilt!

Nun noch einmal zu unserer Ausbildung:

Wir mussten jetzt erst einmal das Gehen und Laufen lernen. Nach vier Wochen hatten wir den ersten Ausgang in die Stadt Hildesheim, natürlich mit unserem Unteroffizier, damit wir ja nicht auffallen! Ja auffallen sollte man überhaupt nicht, dann gab es Straferziehung auf dem Kasernengelände und dieses war nicht ohne. Danach mussten wir in kurzer Zeit mit sauberen Schuhen, Uniform wieder antreten. Das war sehr oft die reinste Schikane. In dieser Zeit bekam ich zwei Tage Sonderurlaub, da wir beim Übungsschießen mit dem Granatwerfer das beste Ergebnis erzielten! Mutter freute sich sehr über den Urlaub. Ende Juni war die Ausbildung zu Ende. Wir wurden in Hameln zu einem Marschbataillon 194 zusammengestellt.

Es dauerte eine Woche. Unser Quartier war der Felsenkeller – ein Ausflugslokal. Am Sonntag vor unserer Abfahrt Richtung Osten, konnten die Angehörigen kommen. Wie habe ich mich gefreut, Vater und mein jüngster Bruder Alois haben mich besucht. Wir waren einige Stunden zusammen und haben erzählt und mir wurden Grüße von der Mutter und Schwester ausgerichtet. Mein jüngerer Bruder Josef war beim Arbeitsdienst in der Heide zur Ausbildung.

Montags fuhren die Transportzüge Richtung Osten. Am Bahnhof Emmerke standen viele Bekannte und grüßten. Meine Schwester Elisabeth wollte mir eine Dose Wurst zukommen lassen, aber sie landete im verkehrten Waggon. Die Kameraden haben sich sehr gefreut. Die Fahrt ging nicht immer zügig, es waren viele Transportzüge unterwegs. Wir waren 19 Jahre alt und voller Erwartung was uns erwartet. Die Parolen waren ja täglich von den gewaltigen Vormärschen in den Osten. Die Fahrt führte durch die Ukraine über den Dnjeper nach Uspenskaja in der Gegend von Rostow. Hier war Endstation.

Einige Tage hatten wir Ruhepause; in Zelten haben wir geruht. Am Tage war eine sehr große Hitze, dafür nachts aber sehr kalt. Wir marschierten über den Dunez zum Don. Unser Feldersatzbataillon 194 folgte den Spuren der vorauseilenden kämpfenden Truppe.

Unser Befehl war dann zum Süden Kaukasus, die Ölfelder von Malgobek und Baku waren das Ziel, ebenso die Grusinische Heerstraße, die nach Tiflis durch Georgien und Armenien zu den Ölfeldern und zum Irak führte. Dolmetscher waren schon beim dem Divisionsstab.

Wir haben in einer Nacht durch die Kalmückensteppe die Grenze von Europa nach Asien überschritten. Wie weit waren wir doch von der Heimat entfernt. Marschiert wurde nur nachts. Am Tag bei der Hitze von ca. 30 bis 40 ° C durch die Steppe zu marschieren, war nicht möglich. Wasser durften wir nicht trinken, es war verseucht. Es gab nur Tee mit etwas Rum. Hier in der Steppe haben wir die asiatische Bevölkerung kennen gelernt – ein großer Unterschied zu den Russen! Die älteren Frauen trugen Zöpfe bis zur Erde, die Männer Bärte und ein dunkelbraune Haut - von der Sonne verbrannt.

Kamele und Dromedare ebenso die kleinen Pferde, waren hier Transportmittel. Die Häuser waren sehr einfach aus getrocknetem Mist gebaut. Bäume oder Wälder gab es nicht, nur Akazienbäume und Sträucher. Die Bevölkerung war erstaunt und misstrauisch. Je näher wir dem Gebirge Kaukasus kamen, waren die Leute freundlicher und aufgeschlossener. An einem schönen Sommertag, blauer Himmel, sahen wir in der Entfernung von 100 km den Elbrus 5.860 m, den höchsten Berg im Kaukasus, liegen. Die schneebedeckten Spitzen ragten weit in den Himmel. Es war ein Anblick mit Freude über so viel Schönes.

Nun kam auch eine andere Landschaft. Von der Steppe ging es in das fruchtbare Vorland des Gebirges! Ein Land, wo Milch und Honig flossen. Es gab an Obst, Wein und Fleisch alles.

In Budjenowskaja waren einige Tage Ruhepause – zur Erfrischung waschen und baden. Durch den Steppensand und Staub waren wir bald nicht mehr zu erkennen. Wir bekamen Quartiere zugeteilt. Ich kam zu einer sehr deutschfreundlichen Lehrerfamilie. Mir wurde ein Gästezimmer mit einem herrlichen Bett angeboten, ich lehnte es aber ab. Nein dieses wäre eine Beleidigung gewesen, die Töchter von 18 Jahren schliefen in dieser Zeit im Freien! Wir konnten uns etwas unterhalten. Die Bevölkerung wartete auf die Befreiung. (Dieses wurde mir später in Tiflis in Gefangenschaft immer wieder gesagt. Warum seid ihr nicht gekommen, wir haben so auf euch gewartet!)

Hier in Budjenowskaja bekamen wir nach langer Zeit endlich wieder etwas zu trinken. Nur es war gut gemeint „Wein“ aus den großen Kellereien, aber wir konnten es nach diesen gewaltigen Märschen von insgesamt 1000 km nicht vertragen. Wir lagen alle flach, nur Milch konnte uns helfen.

Ein Erlebnis darf ich hier anführen. 1994 war ich im Klinikum Fulda. Wir waren zwei Patienten im Zimmer, ziemlich gleichaltrig! In einer Stunde, in der es uns einigermaßen gut ging, kamen wir ins Gespräch, „Wo waren Sie im Krieg?“ So stellte sich heraus, wir waren bei derselben Division. Herr Reith war Beobachter im Artillerieregiment 117 und ich im I.R. 50 Melder. Zur gleichen Zeit die Frage, weißt Du noch, wie wir alle blau waren, in Budjanowskaja? Dieses hat keiner vergessen.

Je näher wir dem Gebirge kamen, sah man immer größere Truppen und Panzerfahrzeuge. Gnadenburg war ein deutsches Dorf, die Bewohner waren in den Ural/Sibierien zwangsevakuiert! Ein leeres Dorf und sauber. Hier hatten wir einige Tage Ruhepause. Uns wurde der Film, „die Geierwally“ mit Heidemarie Hathyer gezeigt. Es war für uns eine Abwechslung. Dann habe ich einen Schulfreund aus Himmelstür getroffen, Willi Eggers, die Freude war groß. Willi war bei der 13. Panzerdivision, die an den Kämpfen bei Mosdok, Malgobeck und Ordshonikidse eingesetzt waren. Das Treffen war einmal kurz.

Unser Feldersatzbataillon wurde nun aufgelöst. Wir wurden den Regimenten, Einheiten und Stäben zugeteilt. Mein erster Einsatzort war der Divisionsstab III ID. Feldgendamerie, der in Mosdok am Terek lag. Feldwebel Winterstein hatte ich als Vorgesetzten, natürlich auch Unteroffiziere (die Namen sind mir entfallen). Meine Aufgaben waren in den ersten Tagen für alles zu Sorgen, Unterkunft in Ordnung, hatten Verpflegung empfangen, Schreibstube, Nachrichten und Meldungen zu befördern.

Nachdem bei Malgobek mehrere Hunderte Gefangene in unsere Hände fielen, mussten wir diese bewachen, bevor ein Lager eingerichtet war. Abends kamen Frauen und Töchter von den russischen Männern und baten flehentlich um die Freilassung! Einige haben die Freiheit genommen, wir haben in die Luft geschossen. Dabei war mein Gedanke, wenn Du einmal in so eine Lage kommst, wird Dir vielleicht auch geholfen! Natürlich war so etwas strengstens verboten.

Bei den Kämpfen in vorderster Front um Malgobek gab es viele Ausfälle. So wurden wir eines Tages zu den Kompanien abgestellt. Dabei wurde ich dem IR 50 zugeteilt, es war die 5. Kompanie!

Die Angriffe wurden durch V-Werfer unterstützt. Dieses hatte ich noch nicht erlebt und gehört. Beim Abschuss von einer Stafette mit 12 Geschossen ging ein Heulen durch die Luft, die Geschosse hatten Pressluft. Die Toten lagen, als wären sie im Schlaf. Die Lungen waren geplatzt.

Diese Angriffswaffen wurden eingestellt, denn der Russe drohte dann mit Gas! Aber die Stalinorgeln waren sehr gefährlich. Es waren Salvengeschosse, mit ca. 20 Geschossen bestückt. Der Abschuss war mit einem unheimlichen Heulton verbunden, zur Abschreckung.

Unsere Stellungen und Bunker waren in einer hügeligen Landschaft mit Buschwerk und Gestrüpp im Vorgebirge. Bei einem Granatangriff der Russen bin ich dann am 07.10.1942 schwer verwundet worden. Ich wurde spät abends mit einen Sanka zum Feldlazarett gebracht. Diese Fahrt werde ich nicht vergessen. Es ging durch die hügelige Landschaft, ich war voller Granatsplitter und hatte sehr viele Schmerzen. In Georgien wurde ich so lange behandelt, bis ich transportfähig war. Dann war die Fahrt in einem Lazarettzug nach Stalino in ein Kriegslazarett. Hier war alles bestens ausgerüstet, auch mit DRK-Schwestern zur Pflege. Einige Splitter wurden entfernt, die Lungenstecksplitter rechts und links hat man sitzen gelassen. An der Lunge wurde ich dann bei vollem Bewusstsein „punktiert“. Die Schmerzen waren sehr groß, zwei Sanitäter mussten mich festhalten, ich wäre vom Tisch gesprungen. War doch die Behandlung ohne Betäubung.

Hier hörten wir jeden Abend das Geschützfeuer bei Stalingrad. Ende November wurde ich mit einem modernen Lazarettzug nach Lublin in Polen verlegt. Nach 14 Tagen sollte ich nach Deutschland verlegt werden, die DRK-
Schwestern wollten mich gern über Weihnachten da behalten. – Aber ich hatte Sehnsucht nach der Heimat.

Anfang Dezember 1942 fuhr ich dann liegend mit dem Lazarettzug durch Böhmen nach Bagern in die Oberpfalz. Der Böhmerwald war tief verschneit. Da der Lazarettzug nicht schnell gefahren ist und wir alle liegend waren, konnten wir vom Fenster aus die verzauberte Landschaft sehen. Wir wurden nach schwerer Verwundung auf die Städte Neumarkt, Weiden, Straubing und Amberg verteilt. In Amberg wurden die schweren Fälle dem Standortlazarett zugewiesen. Ein sauberes schönes Lazarett von den evangelischen Diakonissen und DRK-Schwestern im Pflegedienst geleitet.

Wir waren mit sechs Mann auf einem Krankenzimmer. Da ich die schwerste Verwundung von uns sechs hatte und auch der Jüngste im Zimmer und Lazarett war, hatte ich wohl eine besondere Betreuung von der Stationsschwester Maria, eine Diakonisse, die wie eine Mutter zu mir war. Schwester Ria, eine Rote-Kreuz-Schwester, hatte unsere Zimmerbetreuung und sorgt sich sehr rührend.

Nun kam Weihnachten 1942. Alle Zimmerkameraden bekamen Urlaub. Nur ich war noch nicht reisefähig und musste da bleiben. Ich war sehr traurig, die ersten Weihnachten nicht zu Hause!

Die Schwestern verwöhnten mich am Heiligen Abend. Ein Chor der Schwestern sang die schönsten Weihnachtslieder und brachte mir Geschenke. Am Weihnachtstag kam eine Mädchenklasse aus einem Gymnasium, erfreute uns dagebliebenen mit Geschenken und Weihnachtsliedern. Draußen war eine tief verschneite Landschaft, ich war froh in der Heimat zu sein. Meine Wunden waren fast alle verheilt. Im Januar sollte ich dann nach Goslar in meine Heimat Niedersachsen verlegt werden, darauf freute ich mich schon sehr.

Das neue Jahr 1943 erlebte ich im Lazarett mit meinen Kameraden, unsere Gedanken und Gespräche waren, wann ist Schluss? Wir hofften ja auf einen Endsieg, waren wir doch nach Russland gezogen und marschiert um „Unser Vaterland“ zu verteidigen, um die Heimat vor den Kommunisten zu retten. Voller Hoffnung waren wir alle.

Anfang Januar durfte ich aufstehen und dann auch spazieren gehen. So habe ich im Schnee einen Spaziergang zur Wallfahrtskirche „Maria-Hilfsberg“ unternommen und gedankt für alles, für die Heilung usw.

Anfang Dezember 1942 fuhr ich dann liegend mit dem Lazarettzug durch Böhmen nach Bagern in die Oberpfalz. Der Böhmerwald war tief verschneit. Da der Lazarettzug nicht schnell gefahren ist und wir alle liegend waren, konnten wir vom Fenster aus die verzauberte Landschaft sehen. Wir wurden nach schwerer Verwundung auf die Städte Neumarkt, Weiden, Straubing und Amberg verteilt. In Amberg wurden die schweren Fälle dem Standortlazarett zugewiesen. Ein sauberes schönes Lazarett von den evangelischen Diakonissen und DRK-Schwestern im Pflegedienst geleitet.

Wir waren mit sechs Mann auf einem Krankenzimmer. Da ich die schwerste Verwundung von uns sechs hatte und auch der Jüngste im Zimmer und Lazarett war, hatte ich wohl eine besondere Betreuung von der Stationsschwester Maria, eine Diakonisse, die wie eine Mutter zu mir war. Schwester Ria, eine Rote-Kreuz-Schwester, hatte unsere Zimmerbetreuung und sorgt sich sehr rührend.

Nun kam Weihnachten 1942. Alle Zimmerkameraden bekamen Urlaub. Nur ich war noch nicht reisefähig und musste da bleiben. Ich war sehr traurig, die ersten Weihnachten nicht zu Hause!

Die Schwestern verwöhnten mich am Heiligen Abend. Ein Chor der Schwestern sang die schönsten Weihnachtslieder und brachte mir Geschenke. Am Weihnachtstag kam eine Mädchenklasse aus einem Gymnasium, erfreute uns dagebliebenen mit Geschenken und Weihnachtsliedern. Draußen war eine tief verschneite Landschaft, ich war froh in der Heimat zu sein. Meine Wunden waren fast alle verheilt. Im Januar sollte ich dann nach Goslar in meine Heimat Niedersachsen verlegt werden, darauf freute ich mich schon sehr.

Das neue Jahr 1943 erlebte ich im Lazarett mit meinen Kameraden, unsere Gedanken und Gespräche waren, wann ist Schluss? Wir hofften ja auf einen Endsieg, waren wir doch nach Russland gezogen und marschiert um „Unser Vaterland“ zu verteidigen, um die Heimat vor den Kommunisten zu retten. Voller Hoffnung waren wir alle.

Anfang Januar durfte ich aufstehen und dann auch spazieren gehen. So habe ich im Schnee einen Spaziergang zur Wallfahrtskirche „Maria-Hilfsberg“ unternommen und gedankt für alles, für die Heilung usw.

   
© Heimat und Geschichtsfreunde Rommerz