Die beiden Rommerzer Maria und Ludwig Jökel feierten im Jahre 2025 jeweils ihren hundertsten Geburtstag. Sie wurden zu einer Zeit geboren, als der deutsche Reichskanzler Hindenburg hieß, in den meisten Betten Strohsäcke als Schlafunterlage diente, man noch sein Schwein zum Schlachten im Stall hielt, Eier aus dem eigenen Hühnerstall holte und die tägliche Milch mit der Kanne bei einem Bauern im Dorf holte.
Der Fotograf Karsten Thormaehlen poträtiert auf der ganzen Welt hundertjährige, aber ein Ehepaar zusammen die Hundert erreicht, und dies in Rommerz in seinem Heimatbundesland Hessen, dies hatte er noch nicht. So kam es das viele Zeitschriften, Fernsehsender und Radiosender in Rommerz bei den beiden vorbeischauten um einen Bericht zu erstellen.
Fuldaer Zeitung vom Montag den 24.11.2026
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Fuldaer Zeitung vom 25.10.2026

Osthessen News

Ihr Leben begann in zwei Mühlen hier im Ort, beide waren in Müllersfamilien hineingeboren worden: dsddZweihundert Jahre Leben
Süddeutsche Zeitung Wochenendausgabe 30/31 Mai 2026

Als Maria Jökel und Ihr Mann Ludwig auf die Welt kamen, war Paul von Hindenburg Reichspräsident der Weimarer Republik. Aber alt? Fühle sich nur der, der sich hängen lasse, so sehen sie das. Ein Rückblick auf ein Jahrhundert und 73 Jahre Ehe.
Von Pia Ratzesberger
Hundert Jahre sollen das gewesen sein? Die Frau am Küchentisch sieht über ihren Mann hinweg, als klebe ein Punkt an der Wand. „Ging vorbei“, sagt sie, wie im Traum.
Das klare Wasser am Brunnen, die Strohsäcke in den Betten, der warme Kachelofen, der Bach am Mühlrad, in dem sie fast ertrunken wäre, wenn der Cousin sie nicht rausgezogen hätte…. Ein ganzes Leben soll das her sein?
Würden Maria Jökel und ihr Mann Ludwig Jökel einem auf der Straße entgegenkommen, sie, mit Augen so wach, als hätte ihr gerade jemand mit Blitz ins Gesicht fotografiert, ein Stück kleiner als er in seiner braunen Cordhose, würde man vielleicht ihren nicht mehr ganz aufrechten Gang bemerken, vielleicht denken: Ah ja, ein älteres Paar. Mehr nicht.
Das sie beide schon mehr als hundert Jahre alt sind, dass sie sich mehr als fünfundneunzig schon kennen, dass ihr Leben begann, als der Reichspräsident der Weimarer Republik noch Paul Hindenburg hieß und dieses Haus in Rommerz in Hessen noch lange nicht stand, geschweige denn Telefonkabel durch seine Wände verliefen, woher sollte man das wissen.
Dafür muss man sich ein, zwei Nachmittage in die Zeitkapsel ihrer Küche setzen, mit der Folie über dem weißen Tischtuch, wo sie den Rummel um ihre hundertsten Geburtstage ein weinig leid waren, über den am Ende sogar eine Nachrichtenagentur berichtete. Aber das ist bald auch schon wieder ein halbes Jahr her, die Aufregung hat sich verflüchtigt, und so beginnen sie zu erzählen, von dem, was ihr Leben war. Von dem, was sie erinnern und an was sie sich erinnern wollen, in dieser Bergbaugemeinde nahe Fulda, in deren Schächten während des Zweiten Weltkriegs Munition lagerte und in denen Ludwig Jökel später mit Schutzhelm bohrte, während sie oben die Hühner fütterte.
Eine Spülmaschine haben sie bis heute nicht. Sie sagt dazu nur: Ich habe ja ihn
Die Jungen“, sagt sie, während die Sonnenflecken über ihr Gesicht tanzen, können sich gar nicht vorstellen, was wir alles erlebt haben.
Also, was bleibt für Sie aus hundert Jahren? Ihren Jahren?
Ein Bild aus dem Kindergarten liegt bald auf dem Tisch. Ein Pfarrer, eine Schwester, eine mit heutigem Blick sehr große Kindergruppe und in der Reihe ganz vorn ein Junge. Die Hände auf die Oberschenkel gestemmt, die Stirn in Falten. Der Mann, der mal dieser Junge war, fragt seine Frau: „Kennste dich noch“? – „Ich brauche meine Brille“, sagt sie.
Im Kindergarten hätten Sie jedenfalls noch lang nicht geahnt, dass sie mal heiraten werden, und du, sagt sie zu ihm, „warst ja sowieso nicht viel da“.
Sie schließt die Augen, beginnt zu singen, als würde sie die Worte in ein Tuch wickeln: Im Keller, im Kellersoll es dunkel sein, scheint der liebe Mond herein…“ Alles noch da. Selbst die Kinderlieder. Oder gerade die. Rückt alles näher, wenn man älter wird.
Ludwig Jökel, so aufrecht in seinem Sessel wie in Wachs gegossen,
erzählt jetzt von dem einen Sonntag, elf Jahre war er alt. Er hatte die Kühe rausgelassen und danach saß er auf dem Treppenabsatz, wartete auf die älteren Brüder, die irgendwann endlich heimkommen seien mit den zwei Motorrädern. Bei einem der Vater hinten drauf, aber hinter dem anderen nur noch ein leerer Platz. Seine Mutter fehlte, ein Unfall mit einem Pkw. Die Bahre sehe er heute noch vor sich.
Ob sich sein Vater verändert habe damals, nach dem Tod der Mutter? Wie könne man das schon einschätzen als Kind, fragt er zurück, wenn man jeden Tag mittendrin sei? Es war dann halt so. Maria Jökel, die in ihrer Fleecejacke beinahe versinkt, sagt: „Das war nicht so wie heute, das war ihm passiert und da wurde nicht viel darüber geschwätzt.“
Man vergrub die Dinge in sich und lief weiter. Was nicht bedeutete, dass man vergaß, ganz und gar nicht. Sie haben überhaupt erstaunlich wenig vergessen, Jahreszahlen, manchmal selbst Wochentage nicht, und meistens sind sie sich auch noch einig.
An den zwei Tagen an denen man die beiden besucht in ihrer Küche mit den marmorierten Fliesen, im Flur rechts rein, steht jedes Mal eine Kaffeekanne auf dem Tisch. Sie selbst trinken keine Tasse, nur am Wochenende und an Feiertagen. Das Gebäck, das man mitgebracht hat, rühren sie auch nicht an. Und wenn man irgendwann vorsichtig fragt, ob sie nicht doch mal eine Pause brauchen, winken sie jedes Mal ab. Sind ja noch nicht fertig, oder?
Ihr Leben begann in zwei Mühlen hier im Ort, beide waren in Müllersfamilien hineingeboren worden: das Geräusch der Getreidebehälter, die an seine Zimmerwand schlugen, die Schwere der Mehlsäcke, das Kleinhacken der Rüben für die Rinder im Stall, das warme Wasser in der Wanne auf dem Herd in der Küche, in der er als Jüngster das Geschirr spülte. Immer war Arbeit. Sie haben bis heute keine Spülmaschine. Sie sagt: „Ich habe ja ihn.“ Bequemlichkeit ist für beide kein vertrautes Konzept, vielleicht ihr unbewusster Longevity-Hack für ein möglichst langes Leben.
Bis vor einem Jahr hielten sie hinter ihrem Haus sogar noch Hühner, mit 99 Jahren, die große Wiese war noch ein Beet mit Karotten, Salat, Bohnen, aber jetzt machen sie es eben wie die anderen und kaufen ein, was sie nicht haben. Gab ohnehin die ein oder andere Debatte zuletzt. Er habe ihr sagen wollen, wann sie was zu setzen habe, sagt sie, und da habe sie entgegnet: Ich mach das jetzt schon siebzig Jahre oder länger, und jetzt kommst du mir an und sagst mir, ich soll das anders machen. Er sagt: „Ich wollte ja nur, dass sie es leichter hat.“ Wäre auch eine ihrer goldenen Erkenntnisse, die Dinge lieber getrennt halten, um lang beisammen zu sein.
Ukraine, Putin, Trump, sie verfolgen alles, aber das gehe eher die jungen an
Sie sitzen über eck in der Küche, in der man manchmal die Kirchenglocken schlagen hört, auch mal einander zugewandt. Fünfmal länger als die deutsche Durchschnittsehe bis zu einer Scheidung hält, sind sie jetzt verheiratet, 73 Jahre, wobei der Startpunkt der Beziehung am Tisch nicht ganz klar wird. Im Klassenzimmer jedenfalls seien sie sich noch nicht groß aufgefallen, sagt sie, auch wenn sie sich noch erinnere, dass er am Gang gesessen habe.
Namen fliegen jetzt durch den Raum, von einem zum anderen, wo saß noch mal der, und ah ja, die saß dort, und weißt du noch der?
Er erinnert sich an einen Lehrer, der manchmal heimlich hinter der Tafel sein Glasauge gereinigt habe, der schon mit dem Stock gewedelt habe, wenn sie zu spät aus der Frühmesse kamen. Ein anderer sei wohl der NSDAP beigetreten, womöglich um seiner Karriere nicht zu schaden, wissen tue er das nicht. Erst wehrt er die Frage ab: „Hier im Ortsteil Nazis?“ Seine Tochter, die auch mit am Tisch sitzt und heute selbst schon in Pension ist, entgegnet trocken: „Paar Nazis wird´s schon gegeben haben.“
Maria Jökel, in der Mitte der beiden sagt irgendwann über die späteren Kriegsjahre: „Na ja, es war so. Man hat sich da gar nicht…wir kannten es nicht anders.“
Er, Ludwig Jökel, sei siebzehn gewesen, als e 1943 eingezogen worden sei, zur Wehrmacht an die Front nach Russland, drei Jahre nachdem sein älterer Bruder in Frankreich gefallen sei. Während sie, Maria Jökel, in Fulda in einem Versicherungsbüro an der Schreibmaschine gesessen habe, hätten sie sich Briefe geschrieben, „Feldpost mit Bleistift,“ irgendwo müsse sie die auch noch haben, in einem „Kardönnchen“, aber Gott weiß wo.

Ob er gesprochen habe über den Krieg, als er daheim war?
„Der hat kein Stück erzählt“, sagt Maria Jökel sofort. „Da wurde nicht viel davon geschwätzt“. Sagt er, und so bleibt auch heute am Tisch womöglich vieles unausgesprochen. An lege die Dinge hie irgendwann beiseite, sagt einem die Tochter später noch am Telefon, müsse man auch damit das Zusammenleben im Dorf funktioniere, hier würde sich doch alle kennen.
Ludwig Jökel erinnert sich, wie eine Mine einem ihrer Soldaten einen Teil vom Fuß weggerissen habe, wie sie ihn aus dem Feuer gezogen hätten, und wie er ausgerechnet den Namen dieses Soldaten Anfang der Nullerjahre in den Gratulationen in der Zeitung wiederentdeckt habe, direkt unter seinem: Beide seien sie achtzig Jahre alt geworden.
Heute lebt der schon lange nicht mehr, sagt Ludwig Jökel, wie überhaupt die meisten, er deutet auf einem Foto seiner alten Fußballmannschaft mal von einem Gesicht zum nächsten, der sei gestorben und der und der, bis ihn seine Frau unterbricht, die seien doch alle schon tot. Außer ihnen.
„Er wollte das ja immer“ sagte sie mal, „hundert werden, und jetzt hat er´s geschafft“. Und sie hängt mit drin.
Könnte ja durchaus sein, dass die beiden mit all dem, was hinter ihnen liegt, sich besonders sorgen um das, was noch vor ihnen liegen könnte-aber das ist nicht unbedingt so. Ukraine, Trump, Putin, sie verfolgen das alles noch, allerdings auch in dem Wissen, dass sie das nicht mehr groß betreffen wird. Und der Putin, sagt er, der sei ja jetzt auch schon über siebzig. Hundert wird der doch sich nicht.
Also, noch mal zurück: Wie es weiterging mit ihnen damals?
„Ja, was heißt da, wie ging es weiter“ ‚Als sie dann zusammen waren, sei er immer mal wieder zu Besuch bei ihr gewesen, meistens mittwochs, nach der Arbeit als Kraftwagenfahrer, und sonntags. Nicht so, wie das heute sei, „gleich zusammenwohnen vor der Heirat, nein, nein“.
Er sagt, „sie ist die schönste gewesen“, und da muss sie lachen, als wäre sie wieder so jung wie damals. Was es bei ihr war, sagt er, wisse er nicht, warum sie ihn genommen hat? „Wie das halt si ist“, sagt sie am Tisch, „wenn zwei sich kennenlernen: Sie wissen das ja bestimmt auch.“ Er lenkt dann schnell wieder ab, Entschuldigung, mit den Hörgeräten im Ohr rausche das manchmal ein bisschen. Gehe ihr genauso, diese Nebengeräusche, furchtbar.
Am morgen ihrer Hochzeit jedenfalls, es war ein Oktobertag im Jahre 1952, sei sie von ihrem Elternhaus runtergelaufen zum neuen Haus, das er vor und nach der Arbeit mit aufgebaut hatte, auf einem Fundament aus Bruchsteinen. Und sie habe gedacht: Mensch, der verschläft doch, ausgerechnet heute.
Es war genau das Haus mit dem spitzen Dach, in dem sie noch immer wohnen, drei zimmer unten, drei Zimmer oben, die Haustür aus Holz. Nie sind sie weggegangen aus Rommerz, später zur Großgemeinde Neuhof gehörend. „Wo hätten wir auch hinsollen“, sagt sie. „Du musst doch eine Unterkunft haben, du musst Geld haben“, sagt er. Anders als heute habe der Staat einen damals nicht unterstützt, sagt sie mit einem Hauch von Bitterkeit.
Sie brachte die Tochter zur Welt. Er begann unten im Schacht zu arbeiten, Hunderte Meter unter der Erde jm nach dem Krieg wieder eröffnet Bergwerk. Im Norden von Rommerz thront heute das Zeugnis der folgenden Jahrzehnte, ein gewaltiger Berg ohne Gipfel, als hätte jemand mit der flachen Hand draufgeschlagen. Ein graues Monstrum mit weißen Rändern, wie Schnee bedeckt, eine Halde vor alles aus Steinsalz, das bei der Gewinnung von Kalisalz abfällt, das Ludwig Jökel unten verlud.
Da sehe ich ihn heute noch in der Tür stehen, sagt sie, wie er schon nach wenigen Tagen gesagt hat: Da unten werde ich nicht alt. Der war ja vorher immer an der frischen Luft.
Er wurde dann doch alt, da unten. Erst als Fördermann, dann zum Hauer befördert, sprengte er und bohrte er, manchmal sei er nach der Schicht auch noch LKW gefahren. Die Frühschicht im Schacht war die schönste, sagt er, da habe man danach noch „was schaffen“ können.
Alle hätten „geschafft“, Maria Jökels drei Brüder in den Gummiwerken, in der Kugelfabrik, in der Kerzenfabrik. Sie sei nach der Heirat nicht mehr zurück ins Büro gegangen, eine Umstellung sei´s gewesen, aber so war das eben. Fie fütterte die zwei Schweine im Stall hinter dem Haus, zur Selbstversorgung, die Hühner, half mit auf dem gepachteten Acker mit Kartoffeln und Getreide, kümmerte sich um die Tochter und bald auch um den Sohn, der am Morgen einmal aus dem hohen Badfenster hüpfte, als sie gerade Milch beim Bauern holen war. Die Nachbarn hörten ihn weinen, was ein Glück.
Die Leute wollen weniger arbeiten und mehr Geld? Ihr geht das nicht in den Kopf
Auf den Fotos welchen die bäuerlichen Höfe und die Mühlen ihrer Kindheit ersten Bildern von ‚Ausflügen, sie beide am See, mit Sonnenbrille am Cafétisch, sie konnte es damals nicht glauben, als ihr irgendwann jemand erzählte: Geh mal nach Fulda, da steht ein Gerät in einem Schaufenster, mit dem kann man sehen, was in Amerika passiert.
Es ist auch eine westdeutsche Aufstiegsgeschichte, die die beiden erzählen, irgendwann wichen die Öfen Heizungen, ihre Tochter habe einen Kinderwagen und ein Püppchen besessen, sagt sie, der fünf Jahre jüngere Sohn schon „ein Fahrrädchen“. Aber wenn am Sonntag die anderen Familien zusammen unterwegs waren, bei „diesem oder jenem Festchen“, da sei sie oft allein mit den beiden gewesen, er habe ja immer zu tun gehabt, mit seinen Ehrenämtern.
„Heute würde eine Frau wahrscheinlich sagen, du kannst mir den Buckel runterrutschen“, sagt sie vor den weißen Gardinen, „aber früher, da hat man doch bleiben müssen, wo man war“. Unterstützung habe es für die Frauen ja keine gegeben, und heim habe man auch nicht gehen können, die seien doch froh gewesen, wenn man aus dem Haus war. Ob sie sich Unterstützung gewünscht hätte? „Nein“ sagt sie neben ihm „soweit ging es nicht“. Seine Übung in der freiwilligen Feuerwehr habe jedenfalls auch mal sonntag-vormittag stattgefunden, Sportplatzwart sei er auch noch gewesen, in der Gewerkschaft war er und von Anfag der Siebziger an in der SPD, für die heute seine Tochter im Gemeindevorstand sitzt, wie erzuvor so viele Jahre. Damals, Anfang der Siebzigr, hattn si im Haus noch kein Telefon. Sie hab nachts oft geträumt, sagt Maria Jökel, dass sie auch eines hätten. Im Traum habe es dort hinten in der Ecke gestanden.
Warum er sich politisch engagierte?
Die Tochter kommt ihm zuvor, es habe was zu tun gegeben, und einer habe es machen müssen. Er sagt: Ja. In die CDU sei der Mittelstand gegangen oder die noch weiter oben, also sei er in die SPD, der Willy Brandt und der Helmut Schmidt, die hätten sich doch noch gekümmert um die Arbeiterschaft.
Tja, das Alter, man wird immer kleiner, die Hose immer länger
Während drüben im Büro seine Ehrenurkunde von der SPD an der Wand hängen, kam die AfD bei den Kommunalwahlen in der Großgemeinde hier zuletzt auf 15,3 Prozent, zwei Prozentpunkte mehr als die SPD, die er noch immer wählt. Das ist überraschender Weise nichts was ihn aufregt. Er findet, der Merz müsse noch viel lernen, er erwarte vom Kanzler, dass es mal wieder vorwärtsgehe, und schon auch, dass nicht zu viele Menschen nach Deutschlandkämen und die Sozialsysteme belasteten. Als man da noch mal nachhakt, erwidert er, er habe nix gegen die Leute, solange jeder was beitrage, das habe er doch auch getan.
Als Ludwig Jökel kurz aus dem Raum ist, sagt Maria Jökel, ihr Mann, der bald vierzig Jahre in Rente ist, brauche immer was zu tun, Fahrräder reparieren, Schuhe besohlen, sei immer so gewesen und heute nicht anders. Und ihr gehe es genauso. Als die Kinder groß gewesen seien, habe sie hier in Rommerz nochmal in einer Näherei angefangen. „Hinsetzen Nö, nö.“
Die jungen könne sie da manchmal nicht verstehen, die wollen weniger arbeiten und mehr Geld. Gehe ihr nicht in den Kopf.
Wobei sie an ihren Enkeln sieht, dass die es auch nicht leicht haben, das Jonglieren von Kindern und Arbeit, aber der Rahmen sei ein ganz anderer, man könne auch mal essen gehen, einfach so. Sie hätten noch jeden einzelnen Pfennig gespart, hätten immer weiter gespart, selbst, als sie nicht mehr jeden Pfennig hätten umdrehen müssen. Ja, sie sparen bis heute. Sie kennen es nicht anders. Er sagt: „die Jungen können sich da nicht so hineindenken.“
Ihr erstes Auto war ein Lloyd. Mit dem VW-Käfer fuhren sie einmal im Jahr in den Urlaub, oft nach Tirol, später die Vereinsausflüge mit der freiwilligen Feuerwehr, mit dem Bus nach Kopenhagen, Paris, Rom…“war schön.“
Sein Rat an die Jungen sei übrigens, man sollte ehrlich durchs Leben gehen, was schaffen, aber das gehöre zur Ehrlichkeit sowieso dazu. Und vielleicht noch das: „Wenn man mitten drin ist, erscheint einem alles wichtig. Aber mit den Jahren löst sich alles auf.“
Heut Abend um halb acht werden sie beide hier am Küchentisch sitzen, er im Ledersessel, sie auf dem kleinen Hocker neben ihm, vor der Buntnessel am Fenster, in der Ecke der Flachbildfernseher mit den Nachrichten. Am nächsten Morgen wird gegen sieben, halb acht ihr Wecker klingeln wahrscheinlich wird einer von ihnen schon wach sein. Sie werden ihr Müsli löffeln, ein Stück Brot essen, mit Honig oder Gelee, sie werden die Fuldaer Zeitung lesen, wobei ihr das mit den Augen schwerer fällt als ihm. Sei alles nicht so lustig mit dem Alter, die Kraft schwinde, man werde kleiner, die Hose länger.
Sie wird am Vormittag beginnen, im Haushalt zu wurschteln, sie kocht ja noch immer alles selbst, und er mit dem Rollator vielleicht ein paar Runden im Hof gehen, auch im Garten.
Dort, hinter dem Haus, ist heute vom großen Gemüsebeet nur noch ein schmaler brauner Streifen übrig. Die zwei Handvoll Tulpenzwiebeln darin sind schon lang verblüht.
Als man die beiden drinnen am Küchentisch einmal fragt, ob sich eigentlich alt fühlen, überlegen sie eine Weile. Na ja, sagt sie, wenn sie höre, dass manche mit sechzig schon sagten, sie seien alt, könne sie das kaum glauben, sie hätten einfach nie darüber nachgedacht und hätten sich nie hängen lassen. Erst dann sei man doch wirklich alt. Wenn man denke, oh, oh, jetzt bin ich hundert, jetzt kann ich nichts Mehr machen“.
Dass man so lang schon gelebt habe, sagte sie vor dem Fenster, im Jahr 2026, das glaubt man doch nicht. Selbst mit
Hessenschau
Seit der Kindheit unzertrennlich Ehepaar aus Osthessen feiert gemeinsam den 100. Geburtstag

Ein Ehepaar aus Osthessen feiert ein außergewöhnliches Jubiläum: Beide sind nun 100 Jahre alt und seit mehr als sieben Jahrzehnten verheiratet. Ihr Rezept für ein langes Leben klingt erstaunlich einfach.
Veröffentlicht am 07.12.25 um 13:15 Uhr
"Alles in Maßen" - so beschreibt Maria Jökel das Rezept für ein langes Leben. Vor wenigen Tagen ist sie 100 Jahre alt geworden, nur einen Monat, nachdem ihr Ehemann Ludwig Jökel ebenfalls seinen 100. Geburtstag gefeiert hat.
Seit 73 Jahren ist das Paar aus Neuhof-Rommerz (Fulda) verheiratet. Sie kennen sich seit frühester Kindheit, waren gemeinsam im Kindergarten und in der Schule.
Ein Leben lang zusammen
Für die Tochter des Paares, Petra Hartung, ist das Geheimnis für ein langes Leben vor allem Bewegung. "Früher, nach dem Renteneintritt, sind sie jeden Tag zwei Stunden flott im Wald marschiert."
Noch heute laufe ihr Vater jeden Tag eine Stunde im Hof mit dem Rollator. Wichtig sei außerdem eine gesunde Lebensführung. "Alles in Maßen", ergänzt Maria Jökel. Glücklich mache die Eheleute vor allem ihre Familie, so die Tochter. Sie haben zwei Kinder, fünf Enkel und drei Urenkel.
Fotograf beeindruckt von der Fitness des Paars
Für den Wiesbadener Fotograf Karsten Thormaehlen sind Maria und Ludwig Jökel das erste Ehepaar über 100, das er fotografiert hat. Beeindruckt habe ihn, wie fit die frühere kaufmännische Angestellte und der ehemalige Bergmann noch seien, sagt er nach dem Termin.
Seit 2006 fotografiert Thormaehlen weltweit Menschen, die 100 Jahre oder älter sind. Kürzlich erschien im Knesebeck Verlag sein vierter Bildband "100 Jahre Lebensglück" mit Porträts von Menschen, die 1925 und früher geboren wurden.
Immer mehr Menschen erreichen die 100
Die Wahrscheinlichkeit, Hundertjährige zu treffen, steige seit Jahren, sagt der Fotograf - das zeigt auch die Statistik. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Menschen über 100 seit 2011 um gut ein Viertel gewachsen. Ende 2024 lebten in Deutschland rund 17.900 Menschen mit dreistelligem Alter.
Redaktion: Emal Atif
Sendung: hr3, 07.12.25, 11:00 Uhr
Quelle: hessenschau.de

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