Der „schneeweiße Hirsch“ von Flieden

Leonhard wohnte im alten „Königreich“ Flieden das früher von dichten wildreichen Wäldern bedeckt war. Da er eine große Familie mit zwölf Kindern zu ernähren hatte, war daheim trotz seiner fleißigen Arbeit Schmalhans Küchenmeister. Leonhards bester Freund Christoph besaß wohl weniger Kinder, befand sich aber dessen ungeachtet in der gleichen üblen Lage, und Frau Sorge wollte und wollte nicht von seiner Schwelle weichen. Dazu waren es schlimme Zeiten, denn der Feind rumorte im Land und forderte hohe Kontributionen. Schließlich nahm die Not in den beiden Familien so krasse Formen an, dass die Väter den Entschluss fassten, durch Wilddieberei ihre Einkünfte zu mehren. Bei ihrem lichtscheuen Gewerbe gingen sie sehr klug zu Werke, und es bestand kaum die Gefahr. entdeckt zu werden.

Sage  
Die "Fliedner Tannen" heute nur noch ein kleines Stück Wald
zwischen Rommerz und Flieden.
 

Wieder einmal weihnachtete es. Bei einem nächtlichen Pirschgang stießen Christoph und Leonhard auf einen Zwölfender. Diesmal entging er noch einmal ihren Kugeln. Aber sie wollten ihn in der nächsten Nacht – es war Heilige Abend – zur Strecke bringen. In letztere Minute jedoch sagte Leonhard seine Beteiligung an diesem Jagdabenteuer ab; er wollte seine Familie am Heiligen Abend nicht alleine lassen. Freund Christoph war hingegen vom Jagdfieber so gepackt, dass er den einmal gefassten Vorsatz nicht aufgeben wollte. So schlich er allein am Heiligen Abend durch die „Fliedner Tannen“ am Schwebener Weg.

Feierlich läuteten die Glocken der Kirchen in Flieden und Rommerz zur Christmette. Da lächelte Christoph das Glück: Der gesuchte Zwölfender stand plötzlich vor ihm, so dass er ihn leicht abknallen konnte. Schnell riss der Wildschütz das Gewehr an die Backe und zielte mit ruhiger Hand. Doch das Tier stürzte nicht blutüberströmt zusammen, wie Christoph erwartet hatte, sondern es blieb ganz ruhig stehen und schaute den Schützen mit großen Augen furchtlos an. Christoph schoss ein zweites und drittes Mal, aber wiederum blieb das Tier wie erstarrt stehen, als seien die Kugeln wie an einer gepanzerten Haut abgeprallt. Es schritt dann gravitätisch auf den Wilderer zu, wobei es plötzlich eine schneeweiße Farbe bekam, erfasste ihn mit seinem Geweih und schleuderte den von Entsetzten gepackten Jäger in die nahe Waldlichtung.

Kaum hat sich Christoph von seinem Schrecken erholt rannte er, so schnell ihn die Beine trugen, nach Hause. Der weiße Hirsch war im dunklen Tann verschwunden.

Christoph erzählt seinem Freund noch in derselben Nacht sein ungewöhnliches Erlebnis, und beide gelobten von Stund an nicht mehr zu wildern.

rem 22016

   
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