Das unheimliche Eichig

Nicht recht geheuer, so erzählt man sich, ging es im Eichig, einem kleinen Wäldchen in der Nähe von Tiefengruben zu. Allerlei Spukgeschichten kursieren unter den Bewohnern der Gegend.

Etwa um die Jahrhundertwende stand neben der Bahnstrecke Frankfurt – Bebra in der Nähe von Tiefengruben ein kleines Bahnwärterhäuschen, in dem ein rechtschaffender Bahnwärter seinen Dienst versah. Um die Mittagszeit brachte seine Tochter ihm zumeist das Essen von zu Hause. Das Mädchen benutzte auf ihrem Weg zu dem Bahnwärterhäuschen eine Abkürzung, die durch das Waldstück, das das Eichig genannt wird, verlief. Der leicht ausgetretene Fußpfad führte dicht an der Bahnstrecke entlang.

Das Mädchen schritt wieder einmal ihrem Ziel zu. Aus dem nahen Dorf ertönten die Glocken, denn es war Mittagszeit der Engel des Herrn wurde geläutet. Mit dem ersten Glockenklang erschien urplötzlich neben dem jungen Mädchen, in zwei bis drei Meter Abstand, ein Soldat, der keinen Ton von sich gab. Als der letzte Glockenschlag verklungen war, verschwand auch der unheimliche Begleiter, wie vom Erdboden verschluckt, und ward nicht mehr gesehen. Natürlich erzählte das zutiefst erschrockene Mädchen ihr Erlebnis dem Vater. Die Leute in Tiefengruben ließen sich auch die Sache durch den Kopf gehen, und da im Eichig schon mehr unheimliche Dinge erlebt wurden, hatte man auch bald eine Erklärung zur Hand.

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Im Jahre 1813, als Napoleon mit seiner geschlagenen Armee durch das Land zog, kamen die Soldaten auch in unsere Gegend. Halb wahnsinnig vor Hunger und Durst machten sich die ausgemergelten Gestalten über den ungebackenen Brotteig, der vor dem Backhaus stand, her, und verschlangen ihn eilends. Die Warnung der Tiefengrubenern Backfrauen, den Teig doch nicht roh zu verspeisen, schlugen die fast Verhungerten in den Wind. Und wie es nicht anders kommen konnte, starben viele von ihnen. Die Leichen wurden ohne viel Federlesen in dem nahen Eichig begraben. Der eine oder andere dieser Soldaten zeigt sich hin und wieder, wenn zum Engel des Herrn geläutet wird.

   
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